Wein wissen
Wer mehr über Wein weiß, wird mehr in ihm schmecken. Das hat nichts mit elitärer »Kennerschaft« zu tun, sondern mit Interesse am Geschmack und der Fähigkeit und dem Willen, den eigenen Sinnen mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Dabei hilft ein wenig mehr Wissen über die Herstellung von Wein. Deshalb lebt unsere Homepage von Texten, die statt nichtssagender Etiketten, banaler Punkte-Bewertungen und austauschbarer KI-Texte Antwort geben möchten auf die wichtigste Frage im Wein: Warum schmeckt er so, wie er schmeckt? Inhalt statt Phrasen. Fakten statt Meinung. Information statt Illusion. Wert statt nur Preis. Wesentliches über Wein im Unterschied zwischen dem, was wir in ihm suchen, und dem was er ist - hier laufend im Thema aktualisiert:
• Der Wein und der Schwefel. Grund immerwährender Diskussionen. Nein, Schwefel ist kein Feind! Der Wein braucht ihn. Selbst wenn er während seiner Weinwerdung nicht mit Schwefel in Berührung kam, enthält er ihn auf natürliche Weise. Vollkommen schwefelfreien Wein gibt es nicht. Die Frage ist, wann und in welcher Dosis er geschwefelt wurde. Hier eine Würdigung des Schwefels als menschliche Kulturleistung, die Wein im Lauf seiner Geschichte haltbar und genussfähig zu machen verhalf.
• In unserem Lexikon können Sie sich über zahlreiche weitere Begriffe aus der Welt des Weines informieren. Sollten Sie mal eine Antwort auf eine Frage suchen, die Sie hier nicht finden, schreiben Sie uns kurz hier eine Mail unter dem Stichwort »Frage«. Wir freuen uns von Ihnen zu hören und antworten umgehend.
KOKUMI. Wissen Sie was das ist?
Der Begriff KOKUMI stammt aus dem Japanischen und bedeutet in etwa Mundfülle. KOKUMI ist weder ein Geschmack noch ein Duft, sondern wird als »Geschmacksmodulation« beschrieben. Dabei werden sensorische Eindrücke wie Aroma, die geschmackliche Wirkung und die Textur/das Mundgefühl besonders intensiviert wahrgenommen.
Wie KOKUMI chemisch-physikalisch wirkt, wird aktuell gerade wissenschaftlich geklärt. Immerhin: Jeder kennt den Effekt z. B. von klarer Hummer- oder Fleischbrühe: Trotz dünnflüssig wässriger Konsistenz lösen sie im Mund eindrucksvoll intensive Sensationen aus, die über den Umamigeschmack hinausgehen; man nimmt sie als sensorisch besonders intensiv wirkenden, den Mund mit Wirkung füllenden, zwischen salzig und physisch spürbaren Geschmackseindruck wahr.
Chemisch ist die Geschmacksmodulation KOKUMI eng mit dem fünften Geschmack UMAMI verbunden (Parmesan-Käse oder sonnengetrocknete Tomaten). Beide entstehen, wenn Protein-Ketten molekular in Aminosäuren zerkleinert werden, was man mithilfe von Enzymen - also durch Fermentation – oder z. B. durch langes Kochen erreichen kann.
In diesen Proteinverbindungen ist jedes Kettenglied eine Aminosäure, darunter auch die Glutaminsäure, eine wasserlösliche (hydrophile) Aminosäure, die in praktisch jedem Protein enthalten ist. Solange sie im Protein-Verbund gebunden ist, kann Glutaminsäure ihre Wirkung nicht entfalten. Wenn der Protein-Verbund in kleinere Teile zerfällt, was wie bei Sojasauce und Hefeextrakten durch Enzyme, also durch Fermentation geschieht, kann das Glutamat seine geschmackliche Wirkung als Umami entfalten. Das kann aber auch durch Hitze, Zeit oder bei einen bestimmten pH-Wert stattfinden. Seit Jahrhunderten findet dieser Effekt in der Küche in der Herstellung von Fleisch- und Gemüsebrühen Verwendung. In der Natur entstehen Umami und Kokumi z. B. bei der natürlichen Ausreifung von Tomaten am Stock. Man kann also davon ausgehen, daß die Entstehung von Umami und Kokumi schon in der Natur angelegt ist.
Da viele unserer Weine KOKUMI aufweisen, möchten wir allen, die sich dafür interessieren, hier die Chemie und Physik, sowie die notwendigen Voraussetzungen dafür erläutern. Ist nicht ganz unkompliziert, aber spannend! Vor allem aber ist es ein chemisch-physikalisches Qualitätskriterium, das ohne gesunde Böden und spontane Gärung im Wein nicht existiert ...
KOKUMI. Das Wissen dahinter
Bordeaux: Roc de Cambes, eines der großen Weinwunder in Bordeaux. Nur ein kleiner Côtes de Bourg, aber was für ein Wein! Seine herausragende Qualität verdankt er François Mitjavile, der es wie kein anderer in Bordeaux versteht, seinen Weinen eigenständiges Profil zu verleihen. Roc de Cambes 2020 nimmt es mit jedem Grand Cru Classé von der anderen Flußseite auf, wo direkt gegenüber Château Margaux liegt. 80 % Merlot und 20% Cabernet Sauvignon von lehmigen Kalkböden direkt an der Dordogne, die hier in die Gironde mündet, liefern aus der Hand von Françoise Mitjavile einen mit 14 Vol. % opulenten, vor expressiver Frucht und dunkelbeeriger Würze fast berstenden Wein, der durch raffinierten Ausbau in neuen Barriques eine aromatische Exotik und samtig pralle Gerbstoffe erhält, die in Reife und Mundgefühl durchaus an Kalifornien erinnern - und doch typisch Bordeaux sind, in dieser Qualität allerdings auch dort nur in der Spitze. Es ist die physikalische Wirkung der Gerbstoffe, die hier den Unterschied macht.
2020 Château Roc de Cambes, Côtes de Bourg, Bordeaux 68,00 €
Kalifornien: Joanna Wells und ihr Mann Sean produzieren kalifornischen Cabernet alter Schule, aber im Geist der Naturweinbewegung von heute. Ihr Cabernet Sauvignon aus dem Berger Vineyard, dessen Reben 1973 gepflanzt wurden und das Herz aller »Laurel Glen«-Cabernets bildeten, gedeiht auf vulkanischem Boden an den steilen, nach Osten ausgerichteten Hängen des Sonoma Mountain. Alte Rebgenetik auf historischer St. George-Unterlage, keine Bewässerung, biologischer Anbau. Für kleine Beeren besonders intensiver Aromatik. Ein hinreißend guter Cabernet klassisch kalifornischer Rustikalität, mit der natürlich frischen Säure des Mountain-Cabernets, nur 13,5 Vol.% Alkohol und dem Duft reifer Himbeere und Cassis, würziger Kräuter und Graphit. Kaum geschwefelt, keine Schönung, keine Filtration. Pures Handwerk. Komplex und tiefgründig, samtig und potent in der Wirkung der Gerbstoffe. Typisch für großen kalifornischen Cabernet. Trinkbar, aber noch lange nicht trinkreif. Potential für dreißig und mehr Jahre.